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Wearables vs. Medizingeräte: Wie genau messen sie?

Wearables vs. Medizingeräte: Wie genau messen sie?

Wearables vs. Medizingeräte: Wie genau messen sie?

in Gesundheit & Wohlbefinden
Lesedauer: 4 min.

Wer morgens die Trainingsdaten seiner Smartwatch checkt, sieht Herzfrequenz, Schlafphasen, Stresslevel und manchmal sogar einen Blutdruckwert. Die Zahlen wirken präzise, oft auf eine Nachkommastelle genau. Doch Präzision und Genauigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Eine Uhr kann sehr präzise falsch liegen. Genau das ist beim Vergleich zwischen Wearables und zertifizierten Medizinprodukten der entscheidende Punkt.

Was Wearables tatsächlich messen

Die meisten Smartwatches und Fitnesstracker arbeiten mit optischer Pulsmessung, dem sogenannten PPG-Verfahren (Photoplethysmographie). Dabei leuchtet ein grüner oder roter LED-Sensor auf die Haut, und eine Fotozelle misst, wie viel Licht das Blut reflektiert. Aus diesen Schwankungen berechnet das Gerät die Herzfrequenz. Das Prinzip ist solide, hat aber klare Schwächen bei starker Körperbehaarung, dunkler Hautfarbe, Kälte oder Bewegung.

Ähnlich funktioniert die Messung der Sauerstoffsättigung (SpO2). Hier kommt Infrarotlicht hinzu. Das Problem: Medizinische Pulsoximeter werden am Finger getragen, wo die Haut dünner und die Durchblutung stabiler ist. Eine Studie der University of California San Francisco aus dem Jahr 2020 zeigte, dass Pulsoximeter bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe ohnehin zu Überdiagnosen neigen. Für Wearables am Handgelenk gilt das Problem in verstärkter Form.

Der Unterschied zwischen Consumer-Produkt und Medizinprodukt

Ein zertifiziertes Medizinprodukt der Klasse IIa oder höher muss in Europa eine klinische Bewertung bestehen und trägt das CE-Kennzeichen mit Kennnummer einer benannten Stelle. Das bedeutet: Hersteller müssen Studiendaten vorlegen, die zeigen, dass das Gerät innerhalb definierter Toleranzgrenzen misst. Für Blutdruckmessgeräte gilt die ISO-Norm 81060-2, die eine mittlere Abweichung von maximal 5 mmHg und eine Standardabweichung von maximal 8 mmHg erlaubt.

Smartwatches sind in der Regel als Consumer Electronics eingestuft, nicht als Medizinprodukte. Das hat Konsequenzen: Der Hersteller ist nicht verpflichtet, Validierungsstudien zu veröffentlichen. Apple, Samsung und Garmin kommunizieren die Genauigkeit ihrer Sensoren in ihren Nutzungsbedingungen mit dem Hinweis, dass die Daten „nur zur Fitness und zum Wohlbefinden“ gedacht seien und keine medizinische Diagnose ersetzen. Dieser Satz steht nicht zufällig dort.

Herzfrequenz: Wearables schlagen sich ordentlich

Bei der Herzfrequenzmessung im Ruhezustand kommen moderne Wearables dem Goldstandard am nächsten. Eine Metaanalyse von 2019 im Journal of Medical Internet Research, die 22 Studien auswertete, stellte fest, dass Apple Watch und Fitbit im Ruhezustand mittlere Abweichungen von etwa 2 bis 4 Schlägen pro Minute gegenüber einem EKG zeigten. Unter Belastung stiegen die Abweichungen auf bis zu 20 Schläge pro Minute, besonders bei hochintensivem Intervalltraining.

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Für die meisten Nutzer ist das vertretbar, solange sie die Daten richtig einordnen. Wer seinen Trainingsbereich grob steuern will, bekommt ausreichend brauchbare Orientierungswerte. Wer eine Herzrhythmusstörung dokumentieren oder einen Therapieverlauf überwachen möchte, braucht ein EKG oder zumindest ein von Kardiologen empfohlenes Gerät.

Blutdruck per Smartwatch: das schwächste Glied

Blutdruckmessung ist die Disziplin, in der die Lücke zwischen Wearable und Medizingerät am größten ist. Klassische Blutdruckmessgeräte nutzen die oszillometrische Methode: Eine Manschette wird aufgepumpt und der Druckabfall beim Entspannen ausgewertet. Das ist physikalisch direkt. Smartwatches dagegen schätzen den Blutdruck indirekt über die Pulswellengeschwindigkeit (PWV) oder über PPG-Algorithmen, die auf individuelle Kalibrierung angewiesen sind.

Wer sich über die konkreten Grenzen der Blutdruckmessung per Smartwatch informieren möchte, findet dort eine strukturierte Übersicht, was aktuelle Geräte leisten und wo sie systematisch versagen. Das ist keine Kleinigkeit: Hypertonie gilt als einer der wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall, und falsch gemessene Werte können im schlechtesten Fall zu Fehlentscheidungen führen.

Samsung Galaxy Watch verfügt über eine Blutdruckfunktion, die vor der Nutzung eine Kalibrierung mit einem Manschettengerät erfordert und danach nur 30 Tage gültig ist. Das zeigt, wie sehr die Hersteller selbst wissen, wie begrenzt die Methode ist.

SpO2 und Schlaf: nützlich, aber mit Vorsicht zu lesen

Sauerstoffsättigungswerte aus Wearables sind für die Erkennung von ernsthaften Abfällen, wie sie bei Schlafapnoe vorkommen können, grundsätzlich interessant. In einer Studie der Cleveland Clinic aus dem Jahr 2023 identifizierte die Apple Watch 4 Schlafapnoe-Ereignisse mit einer Sensitivität von rund 73 Prozent. Ein medizinisches Polysomnographiegerät liegt deutlich darüber. Wearables können also einen Hinweis geben, ersetzen aber keine Schlaflabor-Untersuchung.

Ähnlich verhält es sich mit Schlafphasenanalysen. Smartwatches nutzen Bewegungssensoren (Akzelerometer) kombiniert mit Herzfrequenzvariabilität, um REM, Leichtschlaf und Tiefschlaf zu unterscheiden. Im Vergleich zur EEG-basierten Polysomnographie erreichen diese Verfahren Übereinstimmungsraten von rund 60 bis 70 Prozent. Für eine grobe Orientierung brauchbar, für eine klinische Aussage nicht ausreichend.

Wann Wearables sinnvoll sind und wann nicht

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Wearables gut oder schlecht sind, sondern für welchen Zweck man sie einsetzt. Eine nützliche Orientierung:

  • Sinnvoll: Langzeittrends bei Herzfrequenz und Aktivität beobachten, Motivation beim Sport, grobe Schlafqualität einschätzen, erste Hinweise auf Auffälligkeiten bekommen.
  • Nicht sinnvoll: Diagnosen stellen oder ausschließen, Medikamentendosierungen anpassen, akute Symptome bewerten, Bluthochdruck zuverlässig überwachen.

Wer aus gesundheitlichen Gründen regelmäßig Blutdruck oder Herzrhythmus kontrollieren muss, sollte auf geprüfte Geräte setzen. Für die Blutdruckmessung sind das Manschettengeräte mit ISO-Zertifizierung. Für die Herzrhythmusanalyse gibt es inzwischen EKG-Pflaster und Handgelenk-EKG-Geräte, die als Medizinprodukte zugelassen sind, darunter das KardiaMobile von AliveCor oder bestimmte Modelle der Apple Watch mit EKG-Funktion, die für die Erkennung von Vorhofflimmern zugelassen ist.

Wearables sind nützliche Alltagsbegleiter mit echtem Mehrwert für gesundheitsbewusste Menschen. Wer ihre Grenzen kennt, trifft bessere Entscheidungen als jemand, der die Werte unkritisch übernimmt. Und wer bei auffälligen Messwerten einen Arzt aufsucht, statt die Smartwatch als letzte Instanz zu behandeln, nutzt die Technologie genau richtig.

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