Redaktion Gesundheit · Veröffentlicht: 14. Mai 2026
Das Robert Koch-Institut (RKI) erhebt im Rahmen des Gesundheitsmonitorings regelmäßig Daten zum Bewegungsverhalten der in Deutschland lebenden Bevölkerung. Im vierten Quartal 2025 erschien die Ausgabe „Bewegung“ des Journal of Health Monitoring (JoHM) mit einem konsolidierten Überblick über die aktuelle Datenlage. Wer die Studien des RKI zur körperlichen Aktivität liest, findet ein vielschichtiges Bild — und einige bemerkenswerte Verschiebungen seit der COVID-19-Pandemie.
Der folgende Überblick fasst die zentralen Befunde zusammen und ordnet sie in den Kontext der WHO-Empfehlungen für körperliche Aktivität ein. Heilversprechen oder pauschale Wirksamkeitsaussagen werden bewusst nicht ausgesprochen — Bewegung als gesundheitsfördernder Faktor ist gut belegt, aber individuelle Wirkungen lassen sich nicht garantieren.
Wovon das RKI spricht: WHO-Empfehlungen als Maßstab
Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur körperlichen Aktivität bilden den internationalen Referenzrahmen. Demnach sollten Erwachsene wöchentlich mindestens 150 Minuten moderate aerobe Aktivität oder 75 Minuten intensive aerobe Aktivität durchführen — oder eine entsprechende Kombination. Zusätzlich empfiehlt die WHO an mindestens zwei Tagen pro Woche muskelkräftigende Aktivitäten.
Für Kinder und Jugendliche liegt die Empfehlung höher: Mindestens 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität pro Tag. Für ältere Menschen (65+) gelten dieselben Mindestumfänge wie für Erwachsene, ergänzt durch Gleichgewichts- und Sturzpräventions-Übungen.
Diese Maßstäbe sind keine Gesundheits-Garantien, sondern Bevölkerungsempfehlungen. Wer sie erreicht, hat statistisch ein niedrigeres Risiko für eine Reihe nicht-übertragbarer Erkrankungen — Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, einige Krebsarten und depressive Symptomatik gehören dazu. Wer sie unterschreitet, erhöht das Risiko, ohne dass im Einzelfall ein direkter ursächlicher Zusammenhang nachweisbar wäre.
Wie aktiv sind Erwachsene in Deutschland?
Die Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell“ (GEDA 2019/2020-EHIS) des RKI liefert die letzte umfassende Bestandsaufnahme vor der Pandemie. Wesentliche Befunde: Etwa 42 bis 46 Prozent der Erwachsenen erreichen die WHO-Empfehlungen zur körperlichen Ausdaueraktivität nicht. Bei der muskelkräftigenden Aktivität an mindestens zwei Tagen pro Woche liegt der Anteil derjenigen, die die Empfehlung nicht erreichen, sogar deutlich höher.
Soziale Unterschiede sind deutlich erkennbar. Personen mit höherem Alter und niedrigerem Einkommen nehmen im Durchschnitt weniger an sportlichen Aktivitäten teil. Die Differenz zwischen Frauen und Männern ist geringer als oft angenommen — wobei Männer tendenziell häufiger intensive Sportarten ausüben, Frauen häufiger moderate Alltagsaktivitäten.
Die Pandemie hat das Bild verändert. Die GEDA-2021-Erhebung dokumentiert konkrete Verschiebungen im Sporttreiben und in den aktiven Wegstrecken seit Beginn der COVID-19-Pandemie. Bei einigen Bevölkerungsgruppen — insbesondere jüngeren Erwachsenen — gab es einen Rückgang in der organisierten sportlichen Aktivität, der teilweise durch individuelles Lauftraining und Outdoor-Aktivität kompensiert wurde. Bei anderen Gruppen — Menschen mit geringerem Einkommen, ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen — verstärkte die Pandemie bestehende Inaktivität.
Wie aktiv sind Kinder und Jugendliche?
Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) erhebt regelmäßig Daten zum Gesundheitsverhalten von Schulkindern. Die Ausgabe 2022 (im Journal of Health Monitoring 1/2024 veröffentlicht) zeigt: Die WHO-Empfehlung von täglich 60 Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität wird von der Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland nicht erreicht. Die Werte sind seit 2009/10 weitgehend stabil oder leicht rückläufig.
Besonders auffällig ist die geschlechtsspezifische Differenz: Jungen erreichen die Empfehlungen tendenziell häufiger als Mädchen. Mit zunehmendem Alter (Übergang in die Adoleszenz) nimmt die Aktivität in beiden Gruppen ab. Das BeweKi-Projekt des RKI dokumentiert parallel, dass auch die Bewegungsförderung in deutschen Kitas regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und in vielen Einrichtungen unter den fachlich empfohlenen Standards bleibt.
Sitzendes Verhalten: Ein zweiter Datenstrang
Neben der aktiven Bewegungszeit erhebt das RKI auch die sogenannte Sitzzeit — den Anteil des Tages, der im Sitzen oder Liegen verbracht wird. Im Schnitt sitzen Erwachsene in Deutschland werktags zwischen 8 und 9 Stunden, am Wochenende etwas weniger. Wer einen Bürojob ausübt und zusätzlich abends längere Zeit vor Bildschirmen verbringt, kommt schnell auf Sitzzeiten von 10 Stunden oder mehr pro Tag.
Sitzendes Verhalten ist nach aktuellem Forschungsstand ein eigenständiger Risikofaktor — unabhängig davon, ob die WHO-Empfehlungen zur körperlichen Aktivität erreicht werden. Das bedeutet konkret: Wer 30 Minuten am Tag joggt, aber den Rest des Tages durchgehend sitzt, hat trotz Sport ein erhöhtes Risiko für stoffwechselbedingte Erkrankungen. Empfohlen werden regelmäßige Unterbrechungen der Sitzzeit — alle 30 bis 60 Minuten kurz aufstehen und sich bewegen.
Was das für die physiotherapeutische Praxis bedeutet
Physiotherapeutische Praxen sehen die Folgen mangelnder Bewegung im Alltag. Rückenschmerzen, muskuläre Dysbalancen, Bewegungseinschränkungen und stoffwechselbedingte Beschwerden gehören zu den häufigsten Verordnungsanlässen. Praxen, die nicht nur akute Beschwerden behandeln, sondern auch in der Sekundärprävention aktiv sind, gewinnen an Bedeutung.
Größere Gesundheitszentren wie etwa das Elithera Gesundheitszentrum in Rhauderfehn — eine ostfriesische Praxis mit rund 20 Mitarbeitenden, die unter anderem Krankengymnastik am Gerät und T-RENA anbietet und für medizinisches Training Total Gym Geräte einsetzt — verbinden die verordnete Heilmittel-Versorgung zunehmend mit präventiv-orientierten Trainingsangeboten. Reha-Sport nach § 64 SGB IX, Funktionstraining nach § 64 SGB IX und Anschluss-Programme, die Patient:innen nach abgeschlossener Heilmittel-Verordnung in selbstständige Bewegung führen sollen, gehören zum erweiterten Portfolio solcher Häuser. Die digitale Befundung über Systeme wie das sensor-basierte Baiobit liefert dabei objektive Verlaufsparameter, die die Wirksamkeit individueller Trainingspläne nachweisbar machen.
Die Verschiebung von rein kurativer hin zu kombiniert kurativ-präventiver Versorgung ist ein langsamer, aber spürbarer Trend in der deutschen Physiotherapie-Landschaft.
Was Patient:innen daraus ableiten können
Für gesundheitsbewusste Erwachsene lassen sich aus den RKI-Daten einige praktische Schlussfolgerungen ziehen — ohne dass damit individuelle Heilversprechen verbunden wären:
Die 150-Minuten-Schwelle ist erreichbar. Wer dreimal pro Woche 50 Minuten moderate Aktivität (zügiges Gehen, Radfahren, Schwimmen) durchführt, erreicht das WHO-Minimum. Es muss nicht zwingend Sport im engeren Sinne sein — auch aktive Mobilität (Wege zu Fuß oder mit dem Rad, Treppe statt Aufzug) zählt.
Krafttraining wird oft unterschätzt. Die WHO empfiehlt an mindestens zwei Tagen pro Woche muskelkräftigende Aktivität. In Deutschland ist diese Komponente bei vielen Erwachsenen unterversorgt — auch bei sportlich Aktiven, die sich primär aerob bewegen.
Sitzpausen sind ein eigenes Thema. Wer in einem sitzenden Beruf arbeitet, sollte unabhängig vom Feierabend-Sport regelmäßige Unterbrechungen einplanen — alle 30 bis 60 Minuten kurz aufstehen, sich strecken, vielleicht eine Runde durchs Büro gehen.
Im Alter zählt das Gleichgewicht. Die WHO empfiehlt für Menschen über 65 Jahre zusätzliche Gleichgewichts- und Koordinationsübungen. Diese reduzieren statistisch das Sturzrisiko — eine der bedeutsamsten Gesundheitsrisiken im höheren Alter.
Häufige Fragen
Wie wird körperliche Aktivität im RKI-Monitoring erfasst?
Über standardisierte Fragebogen-Module, die international vergleichbar sind (European Health Interview Survey, EHIS). Selbstberichtete Daten haben methodische Grenzen — sie überschätzen tendenziell die tatsächliche Aktivität.
Sind die WHO-Empfehlungen für alle Menschen geeignet?
Sie sind als Bevölkerungsempfehlung formuliert. Bei vorbestehenden Erkrankungen, im hohen Alter oder in der Schwangerschaft sind individuelle ärztliche Empfehlungen entscheidender als das WHO-Pauschalmaß.
Kann Physiotherapie helfen, Bewegungsdefizite aufzuholen?
Physiotherapie ist primär eine kurative Maßnahme bei verordnungsfähigen Indikationen. Für gesunde Erwachsene mit Bewegungsdefizit gibt es niederschwellige Angebote (Fitness-Studios, Volkshochschul-Kurse, Reha-Sportvereine). Bei chronischen Beschwerden oder nach Operationen ist die ärztlich verordnete Physiotherapie ein etablierter Einstieg.
Warum unterscheiden sich die Aktivitätsdaten verschiedener Studien?
Unterschiedliche Erhebungs-Methoden, Stichproben und Definitionen führen zu abweichenden Prozentangaben. Das RKI veröffentlicht im JoHM regelmäßig methodenkritische Übersichten zu diesen Differenzen.
Fazit
Die aktuellen RKI-Daten zum Bewegungsverhalten zeigen ein gemischtes Bild. Ein erheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung erreicht die WHO-Aktivitätsempfehlungen nicht; bei Kindern und Jugendlichen ist die Lage seit Jahren stabil unter dem empfohlenen Niveau; das sitzende Verhalten ist ein eigenständiger Risikofaktor. Für die physiotherapeutische und präventive Versorgung bedeutet das wachsenden Bedarf — sowohl bei kurativen Indikationen als auch bei Anschluss- und Präventions-Angeboten.
Quellen
- Robert Koch-Institut — Journal of Health Monitoring 4/2025: Schwerpunkt Bewegung
- RKI — Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA 2019/2020-EHIS)
- RKI — GEDA 2021 Veränderung des Sporttreibens seit der COVID-19-Pandemie
- RKI — Bewegungsverhalten von älteren Kindern und Jugendlichen (HBSC-Studie 2022)
- RKI — BeweKi-Projekt zur Bewegungsförderung in Kitas
- WHO — Guidelines on physical activity and sedentary behaviour (2020)
- Bundesgesundheitsministerium — Bestandsaufnahme Bewegungsförderung Erwachsene 18-64 Jahre
- RKI — Positionspapier „Gesund unterwegs — Aktive Mobilität als Gesundheitsressource“ (3.6.2025)
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Individuelle Empfehlungen zu Bewegungsumfang und -art sollten mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt abgestimmt werden — insbesondere bei bestehenden Erkrankungen, Operationen oder im höheren Alter.











